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Buchkasten zum Uta-Codex - BSB Clm 13601#Buchkasten

Übersicht
Signatur Clm 13601#Buchkasten
Maße 443 mm x 325 mm x 89 mm
Datierung 10.–12. Jh.
Ort Mitteleuropa, Regensburg ?
Objekttyp Prachteinband
Katalogisierungsebene Gesamtaufname (item)
Klassifizierung Goldschmiedekunst
Kategorie Westliche Prachteinbände

Vorläufige Beschreibung (Karl-Georg Pfändtner. Bayerische Staatsbibliothek)


Mit Goldfiligran, Edelsteinen und Emails besetzter Eichenholzbuchkasten mit Silberleisten, vermutlich aus dem 11. Jahrhundert. Die zeitliche Einordnung ist schwierig, da der Buchkasten mehrfach umgearbeitet wurde. Das getriebene Goldblech in der Mitte des Buchkastens zeigt Christus Pantokrator. Nach späterer Hinzufügung der vier Evangelisten-Symbole blieb der Kasten vermutlich seit dem 13. Jahrhundert weitestgehend unverändert.

Informationen zum Trägerband

Überliefert mit: Handschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 13601: Evangelistar (Uta-Codex), Deutschland, Regensburg (St. Emmeram?), vor 1044.


Entstehung

Vermutlich für den unter der Äbtissin Uta von Niedermünster (regierte ca. 990–vielleicht bis 11. Oktober 1044;10. Jh./11. Jh.) in Regensburg geschaffenen Uta-Codex (Evangelistar) von einem unbekannten deutschen Goldschmied hergestellt.


Komponenten

Deckel des Holzkastens:

10 ornamentale Silberleisten

14 mit Goldfiligran, Edelsteinen etc. besetzte Goldplatten

35 aus Goldblech geprägte Edelsteinfassungen mit Kreispunzen (auf den Goldfiligranplatten am Rahmen der Oberseite des Buchkastens verteilt).

70 Edelsteine, Halbedelsteine und Ersatzsteine auf dem äußeren Rahmen

25 Glasersatzsteine

8 figurale Rahmenleisten aus Silber

2 Scharniere


Spolien (separate Beschreibungen verlinkt):

1 getriebenes Goldblech (Christus Pantokrator), Vorderdeckel

6 Emails an Buch und Nimbus des Pantokrator, Vorderdeckel

4 getriebene Silberbleche, kastenförmig (Evangelistensymbole), Vorderdeckel

1 größeres Pantokrator-Email, Vorderdeckel

1 größeres Email mit stehender Maria, Vorderdeckel

22 kleine Emails mit Ornamenten und Tiermotiven, Vorderdeckel

3 orientalische Emails mit Vogelmotiven, Vorderdeckel

8 Seitenbleche, Vorderdeckel und Buchkasten


Maße

Buchkasten:

443 mm x 325 mm x 40 mm


Vorderdeckel:

443 mm x 325 mm x 49 mm


Innerste schmale Leiste mit Kreismuster:

rechts oben: 135 mm x 8 mm, rechts unten: 54 mm x 8 mm, links oben: 130 mm x 8 mm, links unten: 50 mm x 8 mm


Platten des äußeren Rahmens:

unter 1 mm stark; A bis N von oben links im Uhrzeigersinn: A 120 x 46 mm, B 95 x 45 mm, C 110 x 46 mm, D 90 x 46 mm, E 70 x 47 mm, F 74 x 47 mm, G nur noch 30 x 47 mm, H 113 x 46 mm, I 90 x 38 mm, J 118 x 45 mm, K 85 x 48 mm, L 70 x 46 mm, M 66 x 44 mm (spätere Ergänzung), N 94 x 47 mm


Platten des inneren, abgeschrägten Rahmens:

A–J von oben links beginnend im Uhrzeigersinn): A 75 x 28 mm, B 70 x 21 mm, C 118 x 26 mm, D 130 x 25 mm, E 110 x 26 mm, F 65 x 30 mm, G 76 x 30 mm, H 117 x 27 mm, I 120 x 28 mm, J 119 x 30 mm


Eingeprägtes Band mit Perlrändern:

ca. 14 mm breit


Fassungen:

bis zu 10 mm hoch


Material und Technik

Holzkern

getriebenes Goldblech (Repoussé)

Platten des äußeren Rahmens: Gold, Silber

Platten des inneren, abgeschrägten Rahmens: Gold, Silber

Fassungen mit Kreispunzenschmuck: Gold; Silber; Kupfer

Silber

vergoldetes und feuervergoldetes Silber

vergoldetes Messing

Edelsteine

Halbedelsteine

rotes Glas

Perlen

Seide (Innenseite)


Zu den Ergebnissen der materialwissenschaftlichen und kunsttechnologischen Untersuchungen durch das Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR)


Beschreibung des Äußeren

Vorderdeckel:

Goldblechverkleidung auf Holz


Rahmen:

Äußerer Rahmen aus 14 mit Goldfiligran, Edel- und Halbedelsteinen, Glas und Emails besetzten einzelnen Platten

Innerer abgeschrägter Rahmen bestehend aus 10 schmalen mit Rautenmustern geprägten Goldplatten.


Goldschmuck / Filigran / etc.:

Alle Goldplatten des Rahmens zeigen Goldfiligran (die ursprünglichen Filigrandrähte aus flachgewickeltem Kordeldraht) mit Granulation (in den Einrollungen aufgelötete kleine einzelne Goldperlen) (Abb. 1 und 2). Um die Bleche gerollte Drähte.

Innerste schmale Leiste mit Kreismuster.


Fassungen:

71 Fassungen für Edelsteine, Halbedelsteine und Glas, davon 35 Fassungen mit Kreispunzenschmuck (Abb. 3 und 4). Die anderen Fassungen (Abb. 5 und 6) sind jünger, aber durchaus hochwertig, die meisten davon aus feuervergoldetem Silber; nur wenige aus vergoldetem Messing.



Überarbeitungsstadien

Der Eichenholzkasten (zurzeit nicht dendrologisch untersuchbar) scheint aus dem 11. Jahrhundert zu stammen, da die Mehlkleistermasse im Inneren des Buchkastens mit den relativ groben Spelzen laut mündlicher Auskunft von Dr. Irmhild Ceynowa mit derjenigen in Freisinger Bucheinbänden des 11. Jahrhunderts zu vergleichen ist (Schäfer, Buchherstellung im frühen Mittelalter (1999), 48).

Die unterschiedliche Zeitstellung der verschiedenen Bestandteile wurde schon bald von der Kunstgeschichte erkannt. Bereits Max Creutz (Creutz, Kunstgeschichte der edlen Metalle (1909), 116) vermutete, dass der Einband im 11. Jahrhundert aus älteren Bestandteilen roh zusammengesetzt worden ist. Doch erfolgten die Umarbeitungen und vielleicht auch die Zugabe der teils älteren Teile sehr wahrscheinlich erst nachträglich.

Vielleicht war sogar der Christus, der so gar nicht auf den Einband passen will (und deshalb auch die Beschädigung am Haupt aufweist) nicht von vornherein für den Buchkasten geschaffen, sondern findet sich hier in Zweitverwendung. Einige der Goldfiligranplatten (11.–12. Jh.?) mit gefassten Edelsteinen und Emailplättchen unterschiedlicher Herkunft wurden später ergänzt, so bspw. Platte M (Silber, vergoldet), die einen viel gröberen Filigrandraht zeigt, der sich aber am Muster am älteren Vorbild orientiert. Insbesondere bei den Platten F und G, aber auch auf K, sind größere Teile mit glattem Blech (Messing, vergoldet) ohne Filigran ergänzt.

Die aus geprägtem Silber hergestellten Seitenbleche aus dem 12. Jahrhundert (s. Hylla/Winter, Münztechnik – Münzkunst (2017), 25ff.) sind vermutlich direkt für den Buchkasten gefertigt und setzen eine Umarbeitung/Restaurierung zu dieser Zeit voraus. Vermutlich zur Zeit des Anbringens der Edel- und Halbedelsteine in den heute ältesten 35 Fassungen mit Kreispunzenschmuck (11./12. Jh.) scheint auch der Christus auf den Deckel montiert worden zu sein, da die Leisten mit den Kreispunzen ihnen stilistisch entsprechen und wohl von derselben Werkstatt wie die Fassungen sind. Zahlreiche spätere Fassungen des 14. bis 18. Jhs. Einige geschliffene Steine und Gläser sind ebenfalls jünger und stammen - frühestens - aus dem 18. Jh.

Im 13. Jh. weitere Ergänzungen durch die vergoldeten Silberbleche mit den Rauten, die vier Evangelistensymbole, deren Außenseiten mit denselben Rautenblechen besetzt sind, also aus derselben Werkstatt stammen. Ab dem 13. Jahrhundert war der Kasten dann nach Ergänzung der vier Evangelistensymbole und der auf den Abschrägungen angebrachten Leisten wohl nahezu in dem heutigen Zustand. Lediglich die beiden großen Emails sind vielleicht noch später aufgenagelt worden, da man sich nicht gut vorstellen kann, dass im Mittelalter kostbare Werke wie das Email des Pantokrators so grob um die Kante gehämmert wurden. Die kleinen Emailplättchen sind nach den Ergänzungen des 13. Jh. angebracht worden, da sie die gepressten Leisten gänzlich überdeckten.

Der Deckel des Buchkastens saß ursprünglich genau anders herum auf dem Kasten (die Oberseite mit dem Haupt Christi war dort, wo heute die Füße stehen); dies zeigen die in Teilen noch vorhandenen kräftigen Schnüre und Löcher der alten Bindung. Die Änderung folgte wohl im Zuge der Anbringung der neuen Scharniere (18. Jh.?). Dr. Allscher und Dr. Ceynowa (BSB, IBR) interpretieren die Bindungsfäden dahingehend, dass der Codex ursprünglich in den Kasten eingebunden war.


Zustandsberichte

Die Platten sind z.T. stark beschädigt.


Ikonographie

Ein Goldblech mit Christus Pantokrator auf Thron mit Segensgestus und Buch, wohl 10. Jh. (s. gesonderte Beschreibung) mit gefassten Edelsteinen und Perlen.

Zwei große Goldemails: Christus Pantokrator mit Buch (s. gesonderte Beschreibung), stehende Maria einer Verkündigung (s. gesonderte Beschreibung).

Vier Goldtreibearbeiten (Evangelistensymbole, 13. Jh.; s. gesonderte Beschreibung), Engel mit Buch (Matthäus), Johannesadler mit Schriftrolle, Lukasstier mit Schriftrolle, Markuslöwe mit Schriftrolle.


Stil und Einordnung

Die Datierung des Buchkastens wurde – wie auch die der Handschrift – in der Forschung kontrovers diskutiert, meist aber ins 11. Jahrhundert gesetzt (s. die Diskussion zum Einband zuletzt bei Gullath/Pfändtner, Der Uta-Codex (2012)).

Die Steine auf dem Rahmen des Uta-Buchkastens folgen dem Schema, das auch auf dem Codex-Aureus erscheint. Ein großer (bzw. in einer aufwendigen Fassung befindlicher) Stein wird von vier kleineren gerahmt. Dasselbe System ist auch an den Stellen zu vermuten, an welchen sich heute am rechten und linken Rand die großen Emails befinden. Die Ecken des Deckels durch vier weitere große Steine betont. Dies entspricht ebenfalls dem System des Codex-Aureus. Es fällt aber auf dem Deckel des Uta-Codex auf, dass die oberen beiden Platten der Ränder (Platte N und D) offenbar dasselbe System zeigen wie die Eckplatten, d.h. auch hier scheint, wenn die Anbringung der Fassungen nicht sekundär ist, ein quer liegend angebrachter zweiter großer Stein die Platte abgeschlossen zu haben. Vermutlich wurden die Zwischenräume zwischen den Steinen wie im Codex-Aureus einst mit Perlen gefüllt, worauf Reste der Fassungen und Lötspuren verweisen (auf die Lötspuren verwies bereits Rütz, Der Buckastendeckel des Uta-Evangelistars (1995), 453f.). Auch beim Christus-Pantokrator finden sich stets um die Steine vier Perlen angeordnet.

Das Goldfiligran fand sich am ähnlichsten auf einem verlorenen Kreuz aus dem Benediktinerkloster St. Michael in Bamberg, einer Stiftung Kaiser Heinrichs II. (sog. Morgengabe), von dem wir nur durch zwei Kupferstiche sowie drei kurzen Beschreibungen Kenntnis haben (Rom und Byzanz (1998), Nr. 29 (R. Kahsnitz)). Wenn diese Filigranranken ähnlich korrekt dargestellt sind wie die übrigen Teile des Kreuzes, dürften sie in derselben Werkstatt wie die des Uta-Codex hergestellt worden sein oder auf ein gemeinsames Vorbild zurückgehen. Auffallende Gemeinsamkeit ist die bis auf Ausnahmen ohne ein ordnendes geometrisches Prinzip auskommende Rankung, die die freien Flächen überzieht. Das Kreuz enthielt ältere byzantinische Teile aus dem 10. Jh. Die Filigranformen werden auch als „byzantinische“ Voluten mit Granulation bezeichnet, wobei jedoch die Regelmäßigkeit fehlt, die das byzantinische Filigran meist charakterisiert (Rütz, Der Buckastendeckel des Uta-Evangelistars (1995), 174).

Die seitlichen Reliefs aus gepressten Silber finden sich in ähnlichem Stil in Regensburger Münzen aus dem 12. Jahrhundert (Hylla/Winter, Münztechnik – Münzkunst (2017), 25ff.).


Provenienz

Ob der Buchkasten überhaupt für den Uta-Codex geschaffen wurde, und wenn nicht, ab wann der Uta-Codex darin aufbewahrt wurde, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Im Schatzverzeichnis von Niedermünster aus dem Jahre 1525 (München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Reichsstadt Regensburg, Archivalien 1, Blatt 70r–75v, hier 72r) wird der Uta-Codex erstmals genauer beschrieben und die darin befindliche Handschrift als Plenar bezeichnet. Zu dieser Zeit scheint der Uta-Codex im Buchkasten aufbewahrt worden zu sein.

1811 im Zuge der Säkularisation aus dem Kanonissenstift Niedermünster in die königliche Bibliothek München verbracht.


Literaturhinweise

München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Reichsstadt Regensburg, Archivalien 1, Blatt 70r–75v.

Creutz, Kunstgeschichte der edlen Metalle (1909).

Rütz, Der Buckastendeckel des Uta-Evangelistars (1995).

Rom und Byzanz (1998), Nr. 29 (R. Kahsnitz).

Schäfer, Buchherstellung im frühen Mittelalter (1999).

Gullath/Pfändtner, Der Uta-Codex (2012).

Hylla/Winter, Münztechnik – Münzkunst (2017), 13–35.


Empfohlene Zitierweise

Karl-Georg Pfändtner. Buchkasten zum Uta-Codex - BSB Clm 13601#Buchkasten. Bayerische Staatsbibliothek.

URL: https://einbaende.digitale-sammlungen.de/Prachteinbaende/Clm_13601_Buchkasten_Hauptaufnahme, aufgerufen am 26.08.2019