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Prachteinband zum Reichenauer Evangeliar - BSB Clm 4454#Einband

Übersicht
Signatur Clm 4454#Einband
Maße 305 mm x 245 mm x 70–85 mm
Datierung Frühes 11. Jh.
Ort Reichenau oder Regensburg
Objekttyp Prachteinband
Katalogisierungsebene Gesamtaufnahme (item)
Klassifizierung Goldschmiedekunst
Kategorie Westliche Prachteinbände

Beschreibung: Karl-Georg Pfändtner. Bayerische Staatsbibliothek, 2016.


Von einem unbekannten Goldschmied in Reichenau oder Regensburg im Auftrag Heinrichs II. Anfang des 11. Jahrhunderts gefertigter Einband mit zentralem Gemmenkreuz und auffälligem Amulettstein im Achat mit arabischen Buchstaben. Der von Heinrich II. dem Bamberger Dom geschenkte Einband weist teilweise auf die Hofschule Karls des Kahlen zurückgehende künstlerische Merkmale auf. Außergewöhnlich sind blütenförmige Gebilde, die in dieser Art bisher an anderen Goldschmiedeobjekten unbekannt sind.

Informationen zum Trägerband

Überliefert mit: Handschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 4454: Reichenauer Evangeliar, Anfang 11. Jh.


Entstehung

Anfang des 11. Jh. in Reichenau oder Regensburg von einem unbekannten Goldschmied geschaffen. Auch der Auftraggeber ist unbekannt.


Komponenten

Vorderdeckel:

16 rechteckige Goldbleche mit Perl- und Edelsteinbesatz

8 quadratische Goldbleche mit Perl- und Edelsteinbesatz

1 ovales Goldblech mit Perl- und Edelsteinbesatz

16 Abgrenzungsbleche

16 getriebene Goldblechreliefs mit gegenständigen Vierfüßlern (Löwen) in Ranken und gegenständigen Vögeln in Ranken

146 goldene Bügel (sog. Spinnen) aus dünnem tordiertem Draht oder Reste von solchen, teils mit Goldperlen auf Kranz aus tordiertem Draht, teils mit kleinen goldenen (gegossenen?) Blüten gesetzt

24 flache, auf dem Grund angelötete Bügel

121 Drahtkegel oder Reste von solchen

139 Perlen (selten Perlenersatz) unterschiedlicher Größe und Zeitstellung

62 Fassungen für Edel- und Halbedelsteine, Bergkristalle, Saphire, Smaragde, Türkise, Aquamarine, Amethyste, Gläser, Achatstein

1 große Fassung für den zentralen Achatstein


Rückdeckel:

roter Samt


Rücken:

roter Samt


Schließen:

2 Schließen


Spolien (separate Beschreibungen verlinkt):

Vorderdeckel:

1 in einen Achatstein eingelassener arabischer Amulettstein, mit granuliertem ovalen Goldblech gerahmt

1 römisch-antike Gemme mit Darstellung des Pegasus


Maße

Vorderdeckel:

305 mm x 245 mm x 13–15 mm


Goldbeschlag:

300–304 mm x 235 mm

ca. 3 mm stark

Das Goldblech des Vorderdeckels ca. 5–6 mm auf Innenseite eingeschlagen, hinten bis 3 mm.


Die länglichen Platten oben und unten:

28–32 mm x 75–76 mm


Die länglichen Platten seitlich rechts und links:

28–30 mm x 110 mm


Die länglichen Kreuzplatten:

horizontal: 30–32 mm x 64 mm

vertikal: 95 mm x 32 mm


Die Quadratischen Platten des Kreuzes:

30 mm x 28–30 mm


Ovale Scheibe im Zentrum:

67 mm hoch

Achatstein: 46 mm hoch

innerer Rahmen: 27 mm hoch


Die vier Quadratfelder mit den Tierreliefs:

105–108 mm x 68–72 mm, die inneren Felder 40 mm x 28–30 mm


Die Trapeze mit Vierfüßlern:

Höhe: 21–35 mm

Breite: 70–72 mm (oben), 24–28 mm (unten)


Die Trapeze mit Vögeln:

Höhe: 20–28 mm

Breite: 100–105 mm (oben), 35–40 mm (unten)

Die Bleche sind um einige Millimeter größer, überschneiden sich zum Teil und werden von den anderen Schmuckformen überschnitten. Vermutlich wurden sie einmal falsch und zu eng aufgenagelt. Links am Buchdeckel sind zum Rücken hin noch bis zu 4 mm Platz, an denen heute der rote Samt des Rückens aus dem Jahre 1958 hervorschaut.


Trennbleche (Stege) zwischen den Goldreliefs:

ca. 103 mm x 3 mm


Höhe des Mittelteils:

ca. 18 mm


Höhe der Goldkegel:

5 mm


Höhe der Spinnen:

bis zu 6 mm


Rückdeckel:

305 mm x 245 mm x 14–15 mm


Schließen:

55 mm x 16–26 mm


Buchblock:

305 mm x 245 mm x 70–85 mm


Material und Technik

Vorderdeckel:

getriebenes Gold

Edel- und Halbedelsteine (Bergkristalle, Saphire, Smaragde, Türkise, Aquamarine, Amethyste, Gläser, Achatstein)

Glas (u.a. rotes Glas)

Perlen

Kantenbeschläge: Silber, vergoldet?


Rückdeckel:

roter Samt


Rücken:

roter Samt


Schließen:

Bronze, vergoldet.


Zu den Ergebnissen der materialwissenschaftlichen und kunsttechnologischen Untersuchungen durch das Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR)


Beschreibung des Äußeren

Vorderdeckel:

Die Komposition des Vorderdeckels folgt einem strengen Schema, dessen Zentrum das gemmengeschmückte Kreuz (crux gemmata) bildet. Die Mitte bildet ein arabischer Amulettstein, der in einen großen ovalen Achat eingelassen ist (Abb. 1). Reich mit Perlen, Edel- und Halbedelsteinen in hohen Fassungen sowie Goldfiligran besetzt.

Bei den Tierreliefs sind übereinander bzw. nebeneinander je zwei (stets sehr ähnliche, aber nicht in allen Details identische) Szenen dargestellt (Abb. 2): Im oberen und unteren Teil stehen sich zwei Tiere (Vierfüßler) gegenüber, beide davon mit zwischen den Hinterläufen laufenden und dann weit nach oben aufgestelltem, in vegetabilen Formen endendem Schwanz. Sie stehen vor vegetabilen Ranken, in die sie mit erhobenem Kopf hineinbeißen. Im rechten und linken Teil sitzen je zwei gegenständige, sich gegenüberstehende Vögel in Ranken, die mit den Schnäbeln in den oberen Teil einer Ranke beißen. Durch Goldbleche sind die jeweils vier zusammen arrangierten Bleche (je zwei von jeder Art) voneinander abgetrennt.



Goldschmuck / Filigran / etc.:

Filigranmuster aus gekerbtem, teils geperltem Draht. Manchmal löst sich das Ornament und bildet die oben genannten Bügel oder Spinnen (Abb. 3).



Anordnung der Steine, Perlen etc.:

Auffallend ist der in der Mitte des Kreuzes in einer aufwendigen Fassung gesetzte ovale Achat, in dem, wiederum von einem granulierten Goldrahmen umgeben, der arabische Schmuckstein eingelassen ist (Abb. 1). Neben diesem findet sich auf dem Einband noch ein weiterer geschnittener – wohl antiker – Stein mit der Darstellung eines geflügelten Pferdes (Pegasus).


Rückdeckel:

Der Rückdeckel zeigt roten Samt.


Rücken:

Samtüberzug, 3 Bünde


Überarbeitungsstadien

Rückdeckel:

roter Samt (1958?)


Rücken:

Der rote Samt (1958?), ersetzt wohl älteren aus dem 17./18. Jh. wie er an Clm 4453#Einband und sehr ähnlich an Clm 4451#Einband vorhanden ist.


Zustandsberichte

Laut Domkustos Graff (Außführlich- und Vollständige Beschreibung (1736/43), 106ff.), der auch das Goldgewicht ermittelt hatte, betrug dieses vom Vorderdeckel im Jahre 1736/43 147 /12 Kronen; auf dem Einband waren nach Graf „61 ungeschnittene Jubelen“, 16 große und sehr viel kleine Perlen (14 davon im Zentrum des Einbandes – auf dem Kreuz sowie um den Achatstein – wohl ursprünglich größer als die anderen, zwei sind wohl mit zwei der größeren oben oder unten verteilten zu identifizieren).

11 leere Perlfassungen, mehrere fehlende Perlfassungen.

Die Tierreliefs weisen einige Verdrückungen auf.


Ikonographie

Vorderdeckel:

1 antikes Intaglio mit Pegasus


Getriebene Goldbleche mit Tierreliefs:

Die insgesamt 16 Goldbleche füllen, in vier Vierergruppen arrangiert, die Zwickelflächen des auf dem Einband dominanten goldenen edelsteinbesetzten Kreuzes (in dessen Mitte der Achatstein sitzt). Sie umgeben vier mit Perlen und Edelsteinen besetzte Felder, wobei in allen Vierergruppen oben und unten je zwei gegenständige Vierfüßler (die Mähnen weisen auf Löwen) mit zwischen den Hinterläufen durchlaufendem im weiteren Verlauf hoch erhobenem Schwanz in Rankenästen mit Blüten angeordnet sind, rechts und links hingegen Vögel in Rankenästen mit Blüten (Abb. 2). Sowohl die Vierfüßler als auch die Vögel verbeißen sich in die oberen Rankenbögen. Die Goldbleche sind teils durch den anderen Goldschmuck des Buchdeckels überschnitten, teils, vor allem oben links und oben rechts, überschneiden sie das jeweils andere Feld. Getrennt sind die trapezförmigen Felder durch schmale Goldbleche, die durch Kreise aus Spiraldraht verziert sind (9–12 Stück pro Steg).


Stil und Einordnung

Vorderdeckel:

Komponenten verschiedener Provenienz und Zeitstellung. Auch die Edelstein- und Perlfassungen sind unterschiedlich ausgeprägt. Die auf hohen Fassungen aufgesetzten Perlen (Abb. 4) finden sich ähnlich auf der Reichskrone in Wien (Fillitz, Thesaurus Mediaevalis (2010), 39, 41, Abb. 4). Diese Art kennt ebenso das Lorum des Kaiserinnenschmucks und die Mainzer Tasseln (ebd., 41). Sie sind auf diesen Beispielen sehr ähnlich, aber nicht identisch. Die Bügel in Clm 4454#Einband (Abb. 3) hängen vielleicht mit den drei sich aufwölbenden, gepaarten Filigrandrähten zusammen, die in der Mitte von einem größeren Goldkügelchen bekrönt werden, die sich auf der Krone der Essener Goldmadonna, der Kunigundenkrone und dem aus Metz stammenden Buchdeckel der BnF Ms. Latin 9388: finden. Die Fassungen mit den Akanthusblättern, deren äußerste mit den äußersten des folgenden Büschels zusammenstößt, wobei der Zwischenraum lochförmig ausgespart bleibt (Abb. 5), hat seine Vorbilder letztendlich in spätkarolingischen Werken der sog. Hofschule Karls des Kahlen, etwa im Codex Aureus von St. Emmeram, dem jüngeren Lindauer Buchdeckel (New York, Pierpont Morgan Library, Ms. M. 1 ), dem Arnulfziborium. Die Rahmung dieses Oculus berühren sich nur leicht. Vergleichbar sind ein Teil der Fassungen im Evangeliar aus Mainz (Clm 4451#Einband) oder auf dem Evangeliar Ottos III., aber auch einige Fassungen auf dem großen Bernwardkreuz in Hildesheim. Auffallend ist aber bei den Fassungen hier die starke Rahmung der einzelnen Blätter, in den Zwischenraum sind hier auch eine kleine Kugel am Stiel eingefügt sowie auch die Oculi. Die Fassung des zentralen mittleren Steins mit Rankenwerk aus Perldraht auf sehr dünner goldener Folie, die teils durchbrochen ist (Abb. 6), findet man in ottonischen Werken vergleichbar auf manchen Fassungen des Heinrichsportatiles in der Schatzkammer der Residenz in München, ebenso aber auf manchen, diesem sehr ähnlichen, wohl in Zweitverwendung hier aufgebrachten Fassungen des Evangeliars aus Riddagshausen im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig. Auffallend sind die zwischen den Oculi angebrachten Stege mit den blütenförmigen Gebilden, die bisher an anderen Goldschmiedeobjekten noch nicht gefunden wurden. Die kleinen goldenen Bügel sind (allerdings in anderer Ausführung) auch aus der Metzer Goldschmiedekunst bekannt, vgl. z.B. BnF Ms. Latin 9388 der BnF Paris (Steenbock, Der kirchliche Prachteinband (1965), Kat. Nr. 46, Abb. 64). Sie kommen schon in karolingischer Zeit vor, so am Psalter Karls des Kahlen (Steenbock, Der kirchliche Prachteinband (1965), Kat. Nr. 19, Rückdeckel, Abb. 31, Paris, BnF Ms. Latin 1152). Im Gegensatz zu den anderen ottonischen Bügeln etwa an Clm 4451#Einband oder Clm 4452#Einband (Perikopenbuch Heinrichs II.) sind die Bügel hier aus tordiertem Golddraht und sehr viel zarter, vor allem aber bilden sie Schlaufen, ähnlich wie die Schlaufen des Filigrans am Goldgrund des Buchdeckels. Ursprünglich scheinen diese Bügel oder Spinnen mit einem kleinen Kranz besetzt gewesen zu sein, auf dem jeweils eine kleine Goldkugel saß (an mehreren Stellen noch vorhanden), später wurden wohl gegossene Blüten aufgesetzt.



Lokalisierung und Datierung der Tierrelefs sind nicht zweifelsfrei anerkannt. Die neuere Forschung tendiert aufgrund stilistischer und ikonographischer Details dazu, die Goldbleche in Baden-Württemberg/Bayern, im Umfeld der Reichenau oder von Regensburg, entstanden zu sehen und datiert sie ins frühe 11. Jahrhundert.

Die Tiere sind gut vergleichbar mit ihren Artgenossen in der Reichenauer Handschrift, die der Buchdeckel birgt, ebenso mit den Tieren im Evangeliar Ottos III. (Clm 4453) oder in anderen Handschriften der Liuthar-Gruppe.


Schließen

Die Schließen aus dem 17./18. Jh.?, (laut Bassermann-Jordan/Schmid, Der Bamberger Domschatz (1914), 19: 16. Jh.) sind identisch zu denen auf Clm 4453#Einband, beide im Stil von denjenigen in Clm 4451#Einband, allerdings verkürzt. Vergleichbare Stücke werden bei Adler ins 17./18. Jh. (also nahe an die Restaurierungsarbeiten an den Bamberger Codices) gesetzt (Adler, Handbuch Buchverschluss (2010), 144ff.).


Provenienz

Vermutlich von Kaiser Heinrich II. dem Bamberger Dom geschenkt. Erstmals im Inventar des Domschatzes von 1554 eindeutig nachweisbar. 1803 von Bamberg nach München verbracht.


Literaturhinweise

Bassermann-Jordan/Schmid, Der Bamberger Domschatz (1914).

Dreßler, Die Prachthandschriften (1995), 67–127.

Exner, Kunstdenkmäler (2015).

Fillitz, Ottonische Goldschmiedekunst (1993), 173–190.

Fillitz, Thesaurus Mediaevalis (2010).

Graff, Außführlich- und Vollständige Beschreibung (1736/43), 106ff..

Steenbock, Der kirchliche Prachteinband (1965) (mit weiterer Literatur. Auf S. 127 werden die Tierreliefs dort allerdings fälschlich als mit Holzmodeln geprägt bezeichnet).


Empfohlene Zitierweise

Karl-Georg Pfändtner. Prachteinband zum Reichenauer Evangeliar - BSB Clm 4454#Einband. Bayerische Staatsbibliothek, 2017.

URL: https://einbaende.digitale-sammlungen.de/Prachteinbaende/Clm_4454_Einband_Hauptaufnahme, abgerufen am 20.10.2019