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Prachteinband zum Evangeliar Ottos III. - BSB Clm 4453#Einband

Übersicht
Signatur Clm 4453#Einband
Maße 338 mm x 245 mm x 15 mm
Datierung 996 - 1024
Ort Bamberg ? Regensburg ? Reichenau ?
Objekttyp Prachteinband
Katalogisierungsebene Gesamtaufnahme (item)
Klassifizierung Goldschmiedekunst
Kategorie Westliche Prachteinbände


Beschreibung: Karl-Georg Pfändtner. Bayerische Staatsbibliothek, 2016.


Ein unbekannter Goldschmiedekünstler vermutlich aus dem süddeutschen Raum fertigte den Prachteinband mit goldenem Buchdeckel um das Jahr 1000. Der 1726 vom Bamberger Goldschmied Lochner restaurierte Einband befand sich ursprünglich wohl im Besitz Ottos III. und wurde von Heinrich II. dem Dom zu Bamberg geschenkt. Der Vorderdeckel mit byzantinischer Elfenbeintafel ist mit reich besetztem Goldblech überzogen; bemerkenswert ist auch die Verwendung außerordentlich reiner Edelsteine.

Informationen zum Trägerband

Überliefert mit: Handschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 4453: Evangeliar, Deutschland, Reichenau (Liuthar-Gruppe), um 1000 im Auftrag Kaiser Ottos III. geschrieben.


Entstehung

Von einem unbekannten Künstler (Goldschmied) im 10. Jh./11. Jh. (zwischen 990 und 1012) geschaffen. Wo der goldene Buchdeckel angefertigt wurde, lässt sich nicht bestimmen. Er wird in der Forschung nach Bamberg, Regensburg bzw. die Reichenau lokalisiert. Für den Einband wurden große und – hierauf hat insbesondere Kahsnitz (Rom und Byzanz (1998), Nr. 41) hingewiesen – außerordentlich reine Edelsteine verwendet.


Komponenten

4 Goldmetallstreifen

188 Fassungen mit Edelsteinen, Glaseinlagen und Perlen

87 Edelsteine (vor allem violette Amethyste, grüne Smaragde, bläulich-wasserhelle Saphire und rote Granate). Etwa fünf davon zeigen einen Facettenschliff, sind also sicher moderne Ersatzstücke. 8 der großen Steine haben Bohrung, sind also Bestandteile älteren Schmucks.

32 Glasstücke, überwiegend in Blau und Rot (ungewisse Zeitstellung)

35 Goldkegel

125 Goldpyramiden

6 Scheibenfibeln

2 barocke Schließen

2 Scharniere


Spolien (separate Beschreibungen verlinkt):

1 Elfenbeinschnitzerei

1 Alsengemme

1 Cameo mit Bild der Athena

1 Bergkristall mit hebräischen Inschriften

1 Intaglio Kaiserbüste

1 Intaglio mit der Abbildung Neptuns

1 Intaglio mit der Abbildung des Gekreuzigten

1 Intaglio mit der Abbildung einer weiblichen Figur

1 Heliotrop


Maße

Vorderdeckel:

338 mm x 245 mm x 15 mm


Buchblock:

336–340 mm x 248 mm x 96 mm


Material und Technik

Vorderdeckel:

Von Goldblech bedeckter Holzkern. Auf dem Goldblech getriebenes Gold mit reichem Besatz: Edelsteine und Halbedelsteine (violette Amethyste, grüne Smaragde, bläulich-wasserhelle Saphire und rote Granate), Glas, Perlen, Silber.

Der Vorderdeckel ist innen (Spiegelblätter), an den Kanten und einem Teil der Vorderseite mit drei Abschnitten eines schweren Seidensamits bezogen; hellgrünes Muster auf dunklem Purpurgrund.


Rückdeckel:

Holzdeckel mit rotem, abgewetztem Samt aus dem 18. Jahrhundert bezogen.


Zu den Ergebnissen der materialwissenschaftlichen und kunsttechnologischen Untersuchungen durch das Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR)


Beschreibung des Äußeren

Vorderdeckel:

Mittelfeld:

In der Mitte eine byzantinische Elfenbeintafel (s. separate Beschreibung)


Mittelfeldbegrenzung:

Perlstab aus Goldfiligran (?) (Abb. 1)


Rahmen:

Vier breite quadratische Goldbleche mit Goldornamentik, Scheibenfibeln, Edel- und Halbedelsteinen, Glas und Perlen. Goldbleche laufen um die Kanten des Vorderdeckels bis zu dessen Innenseite. Enthalten sind zahlreiche Komponenten verschiedener Zeitstellung (s. oben die separaten Spolien-Beschreibungen).


Fassungen:

Typ 1: Akanthusblattfries mit zentralen Oculi (bis zu 10 mm hoch; Abb. 2 und 3), die sehr wahrscheinlich zum Grundbestand des Golddeckels gehören. Sie umfassen die großen ovalen Saphire, die ursprünglich wohl in Kreuzform das Elfenbein umrahmten. Noch heute sind auf dem oberen Blech zwei solcher gefasster Steine zu finden (s. die weiß markierten Fassungen in Abb. 7), davon einer versprengt links, auf den Seitenblechen ebenfalls noch jeweils zwei, auf dem unteren Blech noch alle drei in originaler Anordnung (s. die weiß markierten Fassungen in Abb. 7).

Typ 2: Kronenartige Edelsteinfassungen aus Gold, bestehend aus zwei Ebenen: unten Fries mit zentralen Oculi, die mit Perldraht gerahmt sind, darüber Fleur-de-lys-artige Kronenzacken (Abb. 4 und 5; vgl auch die rot markierten Fassungen in Abb. 7).

Typ 3: Aus Goldblech geprägte Edelsteinfassungen mit Kreispunzen (jeweils die dritte Fassung von links bzw. von rechts am unteren Rand; Abb. 6 sowie die gelb markierten Fassungen in Abb. 7). Diese Fassungen gehören nicht zum ursprünglichen Bestand des Einbandschmucks.


Rückdeckel:

Mit rotem, abgewetztem Samt aus dem 18. Jahrhundert bezogen.


Überarbeitungsstadien

Auf dem Deckelbeschlag selbst zeigen sich viele Spuren von Reparaturen, auch von Veränderungen in der Platzierung einzelner Steinfassungen und Zierstücke.

An den alten zentralen Bestand, kenntlich an seiner matten, körnigen Oberfläche und einem rot-goldenem Farbton, sind aber an allen vier Rändern glatte, helle Goldblechstreifen von etwa zwei bis fünf Millimeter Breite angelötet. An den drei Umschlagkanten sind daran nochmals breite Streifen neueren Goldblechs angesetzt.

Die Anordnung des Schmucks ist in späterer Zeit durch häufige Restaurierung durcheinander gekommen. Der einst geometrisch geordnete Eindruck des Einbands ist wohl vor allem durch den Verlust vieler Perlen (ungewisser Zeitpunkt), deren Ersatz durch Steine oder Glas sowie die häufig nicht ganz korrekte Positionierung abgefallener oder ergänzter Fassungen verunklärt.

Die aus Goldblech geprägten Edelsteinfassungen mit Kreispunzen (Typ 3) kamen sehr wahrscheinlich bei einer der späteren Restaurierungen auf den Vorderdeckel; vermutlich stammen sie von einem anderen Goldschmiedeobjekt, wohl einem der Einbände, die im 18. Jahrhundert aufgelöst wurden, um die restlichen zu restaurieren.


Restaurierung

1726 vom Bamberger Goldschmied Johann Jacob Lochner restauriert, wozu 18,3 Gramm Gold verwendet wurden. Lochner stellte eine Rechnung für 28 neue Fassungen (s. Exner, Kunstdenkmäler (2015), 130 mit weiterer Lit.).


Ikonographie

Spiegelblätter:

Hellgrünes Muster auf dunklem Purpurgrund: Mit Ranken gefüllte Kreisbänder umschließen gegenständige, nicht mehr bestimmbare Tiere, in den Zwickeln achtteilige Rosette (Byzanz, 10 Jh.; vgl. Bassermann-Jordan/Schmid, Der Bamberger Domschatz (1914), 14).


Stil und Einordnung

Die Goldkegel (Abb. 7 und 8) finden sich sehr ähnlich im Reichenauer Evangeliar Clm 4453#Einband und auch in anderen ottonischen Buchdeckeln. Steenbock (Steenbock, Der kirchliche Prachteinband (1965), 123) vermutet, dass der Deckelschmuck wahrscheinlich für das eingebundene Manuskript angefertigt wurde, doch könnte man aufgrund der Verwandtschaft einiger Schmuckmotive (Fassungen, Bienenkorb, Kugelpyramide) mit Werken rheinisch-lothringischer Herkunft die Entstehung in diesem Gebiet erwägen, wenngleich eine Renovierung in Betracht gezogen werden muss und darum kaum eine bestimmte Aussage erlaubt ist (vergleichbar etwa Ms. Latin 9388 der BnF aus Metz).

Die Fassungen der kreuzförmig angeordneten Steine, mit den Akanthusblättern, deren äußerste mit den äußersten des folgenden Büschels zusammenstößt, wobei der Zwischenraum lochförmig ausgespart bleibt (Typ 1), haben ihre Vorbilder letztendlich in spätkarolingischen Werken der sog. Hofschule Karls des Kahlen, etwa im Codex Aureus von St. Emmeram, dem jüngeren Lindauer Buchdeckel (New York, Pierpont Morgan Library, Ms. M. 1 ) und dem Arnulfziborium.

Da die Rahmung dieses Oculus oben nicht ganz rund ist, sondern die Spitzen der äußeren Blätter sich nur leicht berühren, stehen diese Fassungen den spätkarolingischen Fassungen deutlich näher als etwa die an anderen ottonischen Einbänden und Goldschmiedewerken. Vergleichbar sind ein Teil der Fassungen im Evangeliar aus Mainz (Clm 4451#Einband) und einige Fassungen auf dem großen Bernwardkreuz in Hildesheim. Die fleur-de-lys-artigen Aufsätze der kronenartigen Fassungen über den runden, mit Perldraht gerahmten Oculi, finden sich, ohne die Oculi, vergleichbar auch auf dem Fritzlarer Heinrichskreuz (gestiftet von Heinrich II.), das ansonsten aber andere Fassungen zeigt; in leicht anderer Ausformung, ebenso ohne Oculi, auch auf dem Einband des Perikopenbuchs Heinrichs II. (Clm 4452#Einband) und auf dem Kreuzreliquiar der Domschatzkammer in Essen (um 1040/45 und 14. Jh., s. hierzu: Gold vor Schwarz (2008), 80f., Nr. 14 (K. G. Beuckers)). Die Fassungen mit den Oculi hingegen finden sich auf dem Kronenkreuz der Reichskrone (vgl. Abb. S. 40, Abb. 5 in Fillitz, Thesaurus Mediaevalis (2010)), das in die Zeit Kaiser Heinrichs II. datiert wird (vgl. ebd., 74f.).

Ob die Steine mit Fassungen (Typ 1) aus anderem, älterem Zusammenhang stammen und hier als Spolien wiederverwendet wurden, ist ungewiss, aber durchaus möglich. Jedenfalls sind alle anderen Fassungen minderer Qualität. Sehr wahrscheinlich kamen die Fassungen bereits zur Entstehungszeit des Einbandes auf diesen, das heißt zur Zeit Kaiser Ottos III. oder Kaiser Heinrichs II.; sie sind somit in die Zeit zwischen 990 und 1012 zu datieren. Es kann aber auch nicht ganz ausgeschlossen werden, dass die Steine und Fassungen erst im Zuge einer späteren Restaurierung im Auftrag des Domkapitels in Bamberg von einem anderen Codex auf das Evangeliar übertragen wurden.

Die wenigen aus Goldblech geprägten Edelsteinfassungen mit Kreispunzen (Typ 3) zeigen in der Technik eine auffallende Ähnlichkeit mit den originalen Fassungen des Uta-Buchkastens (Clm 13601#Buchkasten), der vermutlich für den Uta-Codex, unter der Äbtissin Uta von Niedermünster (Uta von Kirchberg), 990–11.10.1044? geschaffen wurde. Allerdings ist auch die Zeitstellung der dortigen Edelsteinfassungen nicht eindeutig geklärt. Sie könnten im Zuge der Restaurierung des Buchkastens in romanischer Zeit gefertigt worden sein. So ist auch die Zeitstellung dieser Fassungen auf dem Evangeliar Ottos III. zeitlich nicht genauer festlegbar: Sie können sowohl aus ottonischer als auch aus romanischer Zeit stammen.



Provenienz

Wohl aus dem Besitz Ottos III. Von Heinrich II. dem Dom zu Bamberg geschenkt, wahrscheinlich zwischen 1007 und 1012; erstmals im Bamberger Domschatzinventar von 1554 aufgrund der Thematik des Elfenbeinreliefs eindeutig identifizierbar (Exner, Kunstdenkmäler (2015), 130, Anm. 859; Archiv des Erzbistums Bamberg, AEB, Rep. I, Nr. 72, fol. 17v; Dreßler, Die Geschichte der Handschrift (2001), 12). Dort ist an sechster Stelle ein Puch, quatuor Evangelia, oben mit Gold beschlagen, vnd mit Perlen vnd Stainen gezirt, mit einem Pild Assumptionis Beatae Mariae Virginis genannt. Im Domschatzverzeichnis von Graff 1736 ausführlich beschrieben (Exner, Kunstdenkmäler (2015), 130).

Infolge der Säkularisation 1803/04 in die Hof- und Centralbibliothek München verbracht.


Literaturhinweise

Archiv des Erzbistums Bamberg, AEB, Rep. I, Nr. 72.

Bassermann-Jordan/Schmid, Der Bamberger Domschatz (1914).

Dreßler, Die Geschichte der Handschrift (2001), 11–18.

Exner, Kunstdenkmäler (2015).

Fillitz, Thesaurus Mediaevalis (2010).

Gold vor Schwarz (2008), 80f., Nr. 14 (K. G. Beuckers).

Rom und Byzanz (1998), Nr. 41 (R. Kahsnitz).

Steenbock, Der kirchliche Prachteinband (1965).


Empfohlene Zitierweise

Karl-Georg Pfändtner. Prachteinband zum Evangeliar Ottos III. - BSB Clm 4453#Einband. Bayerische Staatsbibliothek, 2016.

URL: https://einbaende.digitale-sammlungen.de/Prachteinbaende/Clm_4453_Einband_Hauptaufnahme, aufgerufen am 22.11.2019