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Silbereinband zum sog. Gebetbuch der Taddea Visconti - BSB Clm 6116#Einband

Übersicht
Signatur Clm 6116#Einband
Maße 173 mm x 125 mm x 66 mm
Datierung 1366/1367
Ort Mailand, Italien
Objekttyp Silbereinband
Katalogisierungsebene Gesamtaufnahme (item)
Klassifizierung Goldschmiedekunst
Kategorie Westliche Prachteinbände

Beschreibung: Caroline Smout. Bayerische Staatsbibliothek, 2017.


Der teilvergoldete Silbereinband mit flach geschnittenen Reliefs und transluziden Emails ist in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Italien entstanden. Er wurde wohl für eine Tochter aus der mailändischen Familie der Visconti anlässlich ihrer Hochzeit mit einem bayerischen Herzog hergestellt. Vorderdeckel und Rückdeckel sind einheitlich gestaltet, und ihre figürlichen Darstellungen waren ursprünglich komplett mit Emails überzogen.

Informationen zum Trägerband

Überliefert mit: Handschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 6116 : Gebetbuch, Italien, Padua oder Bologna, um 1325/1330


Entstehung

Unbekannter Künstler, Goldschmied, 1366/1367. Südeuropa: Italien / Mailand.


Komponenten

Vorderdeckel:

1 Platte aus Silberblech

5 Rahmenleisten aus vergoldetem Silber

1 Rahmenleiste aus Silberblech

7 Scharnierteile


Rückdeckel:

1 Platte aus Silberblech

5 Rahmenleisten aus vergoldetem Silber

1 Rahmenleiste aus Silberblech

7 Scharnierteile


Rücken:

4 Platten vergoldetes Silberblech

3 Streifen vergoldetes Silberblech als plastische Bünde

4 ornamentale Medaillons aus vergoldetem Silberblech

14 vergoldete Spiraldrähte

1 Paar Kapitalschutz aus vergoldetem Silberblech


Schließen:

2 Hakenverschlüsse


Maße

Gesamt:

173 mm x 125 mm x 66 mm


Vorderdeckel:

173 mm x 125 mm,


Mittelfeld:

146 mm x 99 mm


Rahmen:

173 mm x 125 mm x 12 mm


Rückdeckel:

173 mm x 125 mm


Mittelfeld:

146 mm x 99 mm,


Rahmen:

173 mm x 125 mm x 12 mm


Rücken:

173 mm x 57 mm


Material und Technik

Vorderdeckel:

Silberplatte mit flach geschnittenen Silberreliefs, die dünn mit transparenten Glasflüssen überzogen sind. Durch scheint der silberne, lichtreflektierende Reliefgrund scheint durch die die transluziden Emails, die über den erhabenen Partien heller wirken als über den tiefer gelegenen Reliefteilen. Vergoldetes Silberblech mit Punzierung und Granulation, Spiraldrähte.


Rückdeckel:

wie Vorderdeckel


Rücken:

Platten und Streifen aus vergoldetem Silberblech, gegossenes vergoldetes Silberblech in Blütenform, Spiraldrähte


Beschreibung des Äußeren

Vorderdeckel:

Mittelfeld:

In Flachrelief und Gravur herausgearbeitete figürliche Darstellung. In den beiden oberen Ecken durch Passbögen abgegrenzte Felder mit figürlichen Symbolen, in den beiden unteren mit Wappenschilden. Die Böden der einzelnen Bildfelder sind mit grünem, der Himmel mit blauem Email und die Nimben der Figuren sowie Architekturelemente mit gelbem Email ausgearbeitet. Braunes Email findet sich an Architekturelementen, Gewändern, Haarpartien und Flügeln, rotes Email in den Zwickeln der Passbögen und am rechten Wappen.


Rahmen:

Er ist gegliedert durch abgestufte Leisten aus vergoldetem Silberblech, die zum Teil ornamental durch Punzierung und Granulation sowie Spiraldraht gestaltet sind (Abb. 1).


Rückdeckel:

Mittelfeld:

Wie Vorderdeckel


Rahmen:

Wie Vorderdeckel


Rücken:

Drei Streifen aus vergoldetem Silberblech, die als plastische Bünde geformt und von Spiraldrähten flankiert sind, gliedern den Rücken in vier Felder, die mit vergoldetem Silberblech belegt sind. Zentriert darin ein ornamentales Medaillon mit Blütenform aus gegossenem vergoldetem Silberblech (Abb. 2).


Schließen:

2 Hakenverschlüsse mit dem Lager an der Vorderkante des Vorderdeckels als Ganzmetallschließen (Adler, Handbuch Buchverschluss (2010), BV.3.1.2.) aus vergoldetem Silberblech (Abb. 3).



Zustandsberichte

Vorderdeckel:

Großenteils ist das Email abgesprungen (s. dazu bereits den Vermerk in Catalogus codicum latinorum Bibliothecae Regiae Monacensis, Bd. III, 3 (1873), 70).


Rückdeckel:

Wie Vorderdeckel


Schließen:

An der oberen Schließe ist der Haken abgebrochen.


Ikonographie

Vorderdeckel:

In einer dreibögigen Architektur mit Wimperg steht zentriert und von einem Wimperg überhöht Maria mit dem Christuskind auf dem Arm, umgeben von Johannes dem Täufer links und Maria Magdalena rechts (Abb. 4). Flankiert wird die Szene von Evangelistensymbolen in den beiden oberen Ecken – dem Löwen für Markus links (Abb. 5) und dem Stier für Lukas rechts (Abb. 6) – und den Wappenschilden der bayerischen Herzöge links und der Visconti rechts (Abb. 7).


Rückdeckel:

Kreuzigungsgruppe mit Maria links und Johannes dem Evangelisten rechts (Abb. 8). Am Fuße des Kreuzes liegt Adams Schädel, auf dem senkrechten Kreuzbalken sitzt über dem Titulus (INRI) ein Pelikan, der mit dem Schnabel in seine Brust sticht, um mit dem Blut seine Jungen zu nähren. In Analogie zum Vorderdeckel finden sich in den beiden oberen Ecken die Evangelistensymbole – hier links der Mensch für Matthäus (Abb. 9) und rechts der Adler für Johannes (Abb. 10) – und unten wieder die Wappenschilde der bayerischen Herzöge links und der Visconti rechts (Abb. 11).



Stil und Einordnung

Der Stil des Einbandes deutet auf eine Entstehung in der Lombardei um 1380, was mit der Beschreibung des Gebetbuchs und seines Einbandes, die bereits aus dem Jahr 1367 stammt (s. unten unter „Provenienz“), in Konflikt gerät. Béatrice Hernad sieht in dem Einband stilistische Anklänge an die Werke des Giovannino de’ Grassi sowie die Tradierung von Elementen, die sich in der lombardischen Buchmalerei der Zeit um 1380 finden, „wie z.B. die schlanken Gewächse mit herzförmigen Blättern und die dünnen, stilisierten Gräser und Blüten auf dem sonst kargen Boden. Ferner stehen die Gesichter der Figuren in der Tradition der lombardischen Fresken des späten Trecento“ (Prachteinbände (2001), Nr. 13).


Provenienz

Ursprünglich im Besitz der Visconti in Mailand, von wo die Handschrift 1367 mit neuem Einband als Heiratsgut für Taddea Visconti nach Bayern gelangte (Heirat am 12. August 1367 in Mailand mit Herzog Stephan III.). Siehe dazu die Beschreibung im Aussteuerinventar der Taddea Visconti von 1367: librum unum offitiolum beate virginis Marie secundum usum curie Romane meriffice laboratum scriptum et ystoriatum ligatum in assidibus copertis de argento aureato et smaltato ad una parte ad crucifixum […] cum duabus insignijs una videlicet ad arma bavarie et alia ad viperam in duobus scutis […] (München, Geheimes Hausarchiv, Hausurkunde Nr. 1986, Bl. 24r). Vermutlich von Taddea Visconti auf ihren Sohn Ludwig den Bärtigen (1368–1447) übergegangen (s. Hamburger/Suckale, Der Buchschmuck der drei ersten Evangelien (Cgm 8010) (2002), 67, Anm. 21; Bauer-Eberhardt, Die illuminierten Handschriften italienischer Herkunft (2011) 227) Benediktinerkloster Ettal, von dort kam die Handschrift 1803 in die Hofbibliothek in München.


Literaturhinweise

Bauer-Eberhardt, Die illuminierten Handschriften italienischer Herkunft (2011), Nr. 210.

Hamburger/Suckale, Der Buchschmuck der drei ersten Evangelien (Cgm 8010) (2002), 67, Anm. 21.

Geldner, Bucheinbände (1957), 22.

Prachteinbände (2001), Nr. 13 (B. Hernad).


Empfohlene Zitierweise

Caroline Smout. Silbereinband zum sog. Gebetbuch der Taddea Visconti - BSB Clm 6116#Einband. Bayerische Staatsbibliothek, 2017.

URL: https://einbaende.digitale-sammlungen.de/Prachteinbaende/Clm_6116_Einband_Hauptaufnahme, aufgerufen am 19.08.2019