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Silbereinband zu: Die Himmels-schöne Königliche Braut-Kammer... von Christian Zeisen - BSB ESlg/Asc. 5545 c#Einband

Version vom 18. September 2018, 15:59 Uhr von Sduesterhoeft (Diskussion | Beiträge)

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Übersicht
Signatur ESlg/Asc. 5545 c#Einband
Maße 152 mm x 70 mm x 28–35 mm
Datierung Um 1722–1730
Ort Mitteleuropa: Augsburg
Objekttyp Silbereinband
Katalogisierungsebene Gesamtaufnahme (item)
Klassifizierung Goldschmiedekunst
Kategorie Westliche Prachteinbände

Beschreibung: Lorenz Seelig. 2018.


Der Silbereinband wurde um 1723–1730 eigens für den Trägerband geschaffen. Dies drückt sich unter anderem darin aus, dass die Darstellung des Rückdeckels wohl auf das dominierende Motiv des Andachtsbuches, das der Silbereinband umschließt, Bezug nimmt. Vorder- wie Rückdeckel sind durch figürliche Szenen mit Figuren im Hochrelief bestimmt: Das zentrale Bildfeld ist von einer Rahmenleiste eingefasst und wird oben und unten jeweils von einem weiteren Bildfeld in einer Kartusche flankiert. Bemerkenswert ist die Verklammerung der Hauptszene mit den begleitenden Kartuschen, die geschickt in die Gesamtkomposition integriert werden.

Informationen zum Trägerband

Überliefert mit: Druckschrift München, Bayerische Staatsbibliothek, ESlg/Asc. 5545 c : Christian Zeis, Die Himmels-schöne Königliche Braut-Kammer, Leipzig, 1722.


Entstehung

Umkreis Johann Andreas Thelot, Goldschmied, um 1723–1730. Mitteleuropa: Augsburg.


Komponenten

Vorderdeckel:

1 getriebene Silberplatte


Rückdeckel:

1 getriebene Silberplatte

2 Schließen mit je 5 Scharnierteilen


Rücken:

1 getriebene Silberplatte

26 Scharnierteile

1 getriebenes Kapitalschutzblech


Maße

Gesamt:

152 mm x 70 mm x 28–35 mm


Vorderdeckel:

152 mm x 70 mm x 3 mm


Rückdeckel:

152 mm x 70 mm x 3 mm


Rücken:

154 mm x 33 mm


Material und Technik

Vorder- und Rückdeckel:

Auf einen Holzdeckel ist die getriebene Platte aus Silberblech aufgebracht. Holz, Silber, getrieben, ziseliert, punziert, graviert.


Schließen:

Silber, Gegossen, obere Schließe zusätzlich graviert.


Rücken:

Silber, getrieben, ziseliert, punziert, graviert.

Kapitalschutzblech: Silber, getrieben, punziert.


Beschreibung des Äußeren

Vorderdeckel:

Figürliche Szene mit Figuren in Hochrelief, eingefasst von einer schmalen Rahmenleiste, von der oben eine asymmetrisch arrangierte Draperie herabhängt. Darunter und darüber jeweils ein kleineres Bildfeld in einer Kartusche, die von Akanthusranken hinterfangen wird. Oben wird die Kartusche beiderseits jeweils von einer Blütengirlande eingefasst, neben der ein Vogel auf einem Gesimsstück hockt.


Rückdeckel:

Figürliche Szene mit Figuren in Hochrelief, eingefasst von einer schmalen Rahmenleiste. Darunter und darüber jeweils ein kleineres Bildfeld in einer Kartusche, die von Akanthusranken hinterfangen wird. Oben wird die Kartusche beiderseits jeweils von einer Girlande eingefasst, neben der ein Vogel auf einem Gesimsstück hockt.


Schließen:

Untere Schließe: sitzende, wohl bärtige Gestalt mit emporgerichtetem Blick und erhobenem rechten Arm

Obere Schließe: schwebende männliche Gestalt, die nur von einem Tuch umzogen ist, mit aufwärts weisender rechter Hand, in Strahlenglorie.


Rücken:

Schmales Bildfeld mit stehender weiblicher Figur mit Palmzweig. Darüber und darunter Laub- und Bandelwerk, unten mit einem weiblichen Maskaron in der Mittelachse.

Kapitalschutz: geflügelter Engelskopf.


Zustandsberichte

Stark oxidiert; das obere Kapitalschutzblech ist abgebrochen und nicht mehr vorhanden.


Ikonographie

Vorderdeckel:

Hauptfeld: hl. Cäcilie, Lyra spielend, mit zwei Flöte bzw. Orgel spielenden Engeln

Oberer Kartusche: weibliche Figur mit einem schwer zu identifizierenden Attribut (Lamm[?] für hl. Agnes oder Mansuetudo bzw. Patientia?)

Untere Kartusche: büßende hl. Maria Magdalena


Rückdeckel:

Hauptfeld: Auf Wolken schwebt die von Engelsköpfen begleitete und von einer Strahlenglorie umgebene Gestalt Christi herab, um mit der in der Linken gehaltenen Krone eine weibliche Gestalt zu bekrönen , die – vor einem Tisch mit einem aufgeschlagenen und einem geschlossenen Buch – auf einem Sessel thront; zu ihren Füßen liegen eine Krone, eine von einem Reif umzogene (Welt?-)Kugel sowie ein Füllhorn wohl mit Schmuck, neben ihr steht ein vasenartiges Gefäß. Über der weiblichen Gestalt erscheinen rechts zwei fliegende Engelsputti, die einen wohl für die weibliche Gestalt bestimmten Blütenkranz halten. In oberer Kartusche: wohl Fides; in unterer Kartusche: Hagar in der Wüste.


Rücken:

Hl. Märtyrerin mit Palmzweig.


Schließen:

Untere Schließe: Christus oder Gottvater?

Obere Schließe: Auferstandener.


Stil und Einordnung

Der Silbereinband wurde eigens für das 1722 in Leipzig gedruckte Andachtsbuch „Des Himmels-schöne Königliche Braut-Kammer“ wie für das miteingebundene Gesangbuch aus dem Jahr 1723 gefertigt; Deckel und Buchblock haben sich gemeinsam im ursprünglichen Zustand erhalten (für die Bestätigung des Befundes danke ich Karin Eckstein, IBR der BSB). Die Darstellung des Rückdeckels nimmt wohl auf das dominierende Motiv des im Silbereinband enthaltenen Andachtsbuchs Bezug: In Analogie zu der im Hohen Lied evozierten Beziehung König Salomos zur Sulamitin lädt Christus seine Braut in das königliche Brautgemach ein. Dementsprechend zeigen die beiden am Anfang der Druckschrift befindlichen Frontispiz- und Titelkupfer (das Frontispiz ist hier als Vorsatz verwendet) zum einen zwei gekrönte Frauengestalten mit fünf jeweils eine Öllampe haltenden Klugen Jungfrauen („Der König führet mich in seine Kamner. Cant I“, nach Hld 1,4), zum anderen die Krönung einer sitzenden weiblichen Gestalt durch zwei aus Wolken ragende Hände („Die königliche Braut-Kammer“). So wird hier die andächtige Christin mit der Jesus-Braut identifiziert. Überdies bezieht sich die hl. Cäcilie des Vorderdeckels wohl auf die zweite in den Silbereinband eingebundene Druckschrift: das 1723 in Leipzig verlegte „Geistreiches Gesang-Buch“. Damit ergibt sich ein ungewöhnlich enger inhaltlicher Zusammenhang zwischen Andachts- und Gesangbuch einerseits und Silbereinband andererseits, der zu einer Datierung des Buchdeckels um oder bald nach 1723 führt. Demgemäß findet sich am Rücken ausgeprägtes Laub- und Bandlwerk, während Vorder- und Rückdeckel noch kaum Elemente des „style Régence“ erkennen lassen, abgesehen etwa vom Motiv der Muschel in der Bildfeldrahmung des Vorderdeckels.

Kompositorisch wie ikonographisch findet der Rückdeckel eine markante Parallele im Relief eines im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts wohl ebenfalls in Augsburg entstandenen Silbereinbandes, der in die Darstellung zusätzlich die Gestalt der Muttergottes als Vermittlerin einfügt (Verst.-Kat. Sotheby’s, London, Silver and Enamel Bindings (10. Mai 1985), Los 41). Als bemerkenswertes Kennzeichen des Silbereinbandes Sign. ESlg/Asc. 5545 c kann die Verklammerung der Hauptszene mit den begleitenden Kartuschen oben und unten gelten, die geschickt in die Gesamtkomposition integriert werden. Als Einfassungen dienen schmale leistenartige Rahmungen, die zum Teil geschwungen, zum Teil kantig gebrochen sind. Hier sind motivisch etwa die Silberdeckel der Agenden von St. Ulrich und von St. Afra in Augsburg zu vergleichen, ausgeführt 1683 von Israel Thelot, dem Vater Johann Andreas Thelots, wohl unter dessen Mitwirkung, bzw. 1701 von Johann Andreas Thelot (Praël-Himmer, Der Augsburger Goldschmied Johann Andreas Thelot (1978), S. 106-107, Nr. 166, Abb. 122; S. 68, Nr.74, Abb. 78). Ähnliche Schließen mit sitzenden Einzelfiguren finden sich an dem oben erwähnten Augsburger Silbereinband, der 1985 in London versteigert wurde.

Insgesamt kommt der silberne Buchdeckel Sign. ESlg/Asc. 5545 c stilistisch den Arbeiten Johann Andreas Thelots nahe; die Ausführung erscheint jedoch weit flüchtiger als bei jenen Einbänden, die möglicherweise auf Thelot selbst zurückgehen, wie der Buchdeckel Sign. ESlg/Asc. 5527 r der Bayerischen Staatsbibliothek. Stilistisch am ehesten zu vergleichen ist ein Silbereinband in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sign. 93 Hist. 72, der ebenfalls durch die stark bewegten Draperien und die eigentümlich verformten Physiognomien gekennzeichnet ist.


Literaturhinweise

Praël-Himmer, Der Augsburger Goldschmied Johann Andreas Thelot (1978), 67–68, Nr. 73v, Abb. 76–77; 68, Nr.74, Abb. 78; 106–107, Nr. 166, Abb. 122.

Verst.-Kat. Sotheby’s, London, Silver and Enamel Bindings (10. Mai 1985), Los 41.


Empfohlene Zitierweise

Lorenz Seelig. Silbereinband zu: Die Himmels-schöne Königliche Braut-Kammer... von Christian Zeisen - BSB ESlg/Asc. 5545 c#Einband. 2018.

URL: https://einbaende.digitale-sammlungen.de/Prachteinbaende/ESlg/Asc._5545_c_Einband_Hauptaufnahme, aufgerufen am 16.09.2019